Auf seine charmant-witzige Art begrüßte Ibrahim Ismail seine gut 30 Workshop-TeilnehmerInnen mit einer Anspielung auf die ungünstige „Reihenbestuhlung“ des Seminarraumes – Typisch Schule. Diese würde aus dem Workshop wohl eher ein Diskussionsforum über seinen pädagogischen Ansatz werden lassen. So war es dann auch!

Ismail, selbst Vorstandsvorsitzender des Vereins Paidaia e.V. (paideia (griech.) = Bildung, Erziehung) und examinierter Sportpädagoge, liebt eher die praktische Arbeit, besonders bei der sozialpädagogischen Förderung sozial benachteiligter Jugendlicher. Ziel der Vereinsarbeit ist es, Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung zu unterstützen und somit zu aktiven und mündigen Mitbürgern der Gesellschaft zu erziehen.

Zu Beginn des Workshops rief er somit zunächst dazu auf, (auch schwierige) Jugendliche als Menschen in der Entwicklung zu begreifen und deren produktive Energien zu entfalten. Ganz dem humanistischen Menschenbild folgend führe eben nicht allein das Wissen zur Menschwerdung und zu geistigem Wachstum, sondern vielmehr die kulturelle Teilhabe, der Erwerb von kulturellem Kapital. Gerade in unserer pluralistischen Gesellschaft liege das Potential für (geistiges) Wachstum allein in der Möglichkeit, möglichst alle Mitglieder der Gesellschaft zu befähigen an der gemeinsamen Kultur teilzuhaben. Dazu gehöre aber eben auch, die rebellische Kraft der Jugend in produktive Kräfte geistigen Wachstums zu lenken. Alle SeminarteilnehmerInnen stimmten Ismail in diesem Punkt zu. Diese rebellischen, zum Teil auch destruktiv-rebellischen Kräfte der Jugend aufzugreifen, bedürfe jedoch eines Umdenkens der Rolle des „Lehrmeisters“.

Wieder ganz praktisch arbeitete Ismail nachfolgend mit Bildern aus Star Wars. Meister Yoda und Darth Vader sind beide Meister ihres Faches, beide beherrschen die „Macht“ vollkommen. Sie unterscheiden sich jedoch zum einen in der Verwendung ihres Wissens (dunkle vs. helle Seite der Macht), was dramaturgisch für den Verlauf der Star Wars-Saga wichtig sei, aber eben auch - und das sei Idee und Auslöser dieses Workshops - in der Vermittlung der Macht an die kommende Generation.

Darth Vader steht als „Wissender Lehrmeister“ immer im Zentrum des Geschehens. Er plant, koordiniert, strukturiert. Yoda hingegen begibt sich in die Rolle des „Unwissenden Lehrmeisters“. Er kooperiert mit seinem Schüler Luke, gibt Impulse, lässt Fehler zu, begleitet, unterstützt und begrenzt behutsam. Yoda lässt sich von Luke „auf dem Rücken“ durch dessen ureigenen Lernprozess tragen und hält sich selbst stets im Hintergrund. Er vertraut auf die Macht, die bereits in seinem Schüler steckt.

Dieses Plädoyer für das Vertrauen in die SchülerInnen, für das forschende Lernen fordere ein Umdenken von der fachlichen Objektorientierung hin zur individuellen Schülerorientierung. Nicht der Inhalt und die am Ende abrufbare Leistung stünden im Vordergrund, sondern der Prozess, den die SchülerInnen durchlaufen. Der „Unwissende Lehrmeister“ solle Mut zum eigenen Weg zusprechen. Im Falle des Scheiterns solle auch dieses zugelassen werden, jedoch müssten die Ursachen hierfür reflektiert werden, so dass daraus wiederum geistiges Wachstum entstehe. Gleichzeitig bedeute dies jedoch auch die Übernahme von Verantwortung für den eigenen Lernprozess durch die SchülerInnen.

Ismail und auch die TeilnehmerInnen thematisierten daraufhin das Problem, dass oftmals äußere Strukturen (z.B. Lehrpläne, Prüfungsordnungen, Stundenvolumen) die schulischen Rahmenbedingungen derart prägen, dass Didaktik und Pädagogik erst zweitrangig bedacht werden könnten. Kurz: Wie viele Versuche/ Umwege kann man zulassen, wenn am Ende eine zentrale (Fach-)Prüfung steht? Man ist sich schnell einig, dass auch hier schulübergreifend ein Umdenken erfolgen müsse.

In gemeinsamer Diskussion zeigte sich im weiteren Verlauf der Arbeit, dass bei mittelfristig gegebenen Rahmenbedingungen ein für alle gangbarer Weg sei, zunächst einmal die eigenen Einstellungen zum Ausbildungswissen, d.h. zur Theorie kritisch zu hinterfragen und dadurch neue Ansätze oder auch Freiräume für forschendes Lernen zu schaffen. Wenn der „Lehrmeister“ die eignen (Fach-)Inhalte auf den Prüfstand stellt und sich damit wieder in die Position des „Unwissenden“ begibt, bekommen die Inhalte eine neue Wertigkeit und der „Lehrmeister“ vielleicht neue Zugänge, welchen Erkenntnisgewinn, also welches Bildungswissen seine SchülerInnen aus der gemeinsamen (Unterrichts-)Zeit mitnehmen könnten.

Claus Schrichten