Abweichende Verhaltensweisen, fehlende Entwicklungsschritte, fehlender Mut zum Erproben neuer Lernsituationen bzw. fehlendes Zutrauen in eigene Kompetenzen können auch auf Ängste hinweisen. Ängste sind als wichtiges Signal zu verstehen. Sind Ängste als Ursachen erkannt, ist es im Bereich der Frühförderung und der Individuellen Förderung wichtig, allen Handelnden Mut und Zutrauen durch geeignete Unterstützernetzwerke zu vermitteln, damit Ängste bewältigt werden.

Angst auch bei Kindern als zum Leben gehörig betrachten

Angst ist immer ein wichtiges Signal. Kinder profitieren in ihrer Entwicklung davon, wenn sie erleben, dass sie ihre Ängste verkraften lernen und wie sie mit ihnen umgehen können. Sie werden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt und sicherer im Umgang mit Problemen und Ängsten. Auf diese notwendigen Erfahrungen lassen sich Kinder eher ein, wenn sie sich in ihrer Familie bzw. auch im engeren und weiteren Umfeld geborgen und gehalten fühlen und so Vertrauen in die Welt entwickeln können. Dabei geht es um die Bewältigung der Ängste, denn Untersuchungen zeigen angstfrei aufgewachsene Kinder sind nicht unbedingt lebenstüchtiger.

Ängste von Kindern zu identifizieren ist keineswegs immer leicht.

Folgende Verhaltensweisen können Ausdruck von Angst sein:

  • Ausweichen und Vermeiden von bestimmten Situationen,
  • Ablehnung,
  • tyrannisches oder forderndes Verhalten,
  • Zwangshandlungen und Zwangsgedanken,
  • Ein- und Durchschlafstörungen,
  • Anklammern und Protest bei Trennungen,
  • körperliche Beschwerden (wie Bauchschmerzen, Herzstiche, Atemnot), Bettnässen und Stottern.

Eigene Ängste nicht weitergeben, sondern selbst bewältigen

Eltern und nahe Bezugspersonen sind in diesem Erfahrungskontext ein Modell für ihre Kinder, die häufig von den Menschen in ihrer Umgebung nicht nur ihr Verhalten, sondern in der Regel auch den Umgang mit Gefühlen erlernen. Wenn sich Kinder unsicher fühlen und sich in diesen Situationen bei ihren wichtigsten Bezugspersonen rückversichern, werden sie bevorzugt deren vorherrschende Gefühle und die damit zusammenhängenden Verhaltensweisen übernehmen. Ängstliche Mütter z. B. haben daher vermehrt auch ängstliche Kinder.

Durch „Lust an Neuem“ der „Fremdenangst“ vorbeugen

„Fremdeln“ ist kulturabhängig und kommt in manchen Kulturen gar nicht vor. Dass „Fremdeln“ („Fremdenangst“) in Deutschland keine Seltenheit ist, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Kinder hier oft in engen Einzelbeziehungen aufwachsen. Vielen fehlt die Erfahrung, sich auf mehrere Personen einzulassen. „Neues“ kann bei Menschen gleichermaßen Angst und Lust auslösen. In welche Richtung jemand mehr tendiert, hängt in der kindlichen Entwicklung oft vom Vorbild der Eltern, d.h. der nahen Bezugspersonen, ab.

Trennungsängsten durch Betreuernetz vorbeugen

Trennungen, z.B. längerer Abschied, sind unvermeidbare Lebenserfahrungen, die keinem Kind erspart bleiben. Trennungen zu bewältigen, auszuhalten sind ein wichtiger Schritt zu Selbstbestimmung und Eigenständigkeit. Der Umgang mit Trennungsangst fällt leichter, wenn viele kleine Trennungen auf dem Boden eines Betreuernetzes unterschiedlicher Personen bewältigt, gelernt werden können.

Den Umgang mit Aggression erleichtern

Angst und Aggression („Gewalt“) sind Ausdruck bzw. Folge derselben inneren Erregungssituation. Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist dies sinnvoll, weil Angst Energien mobilisiert, die nicht nur Flucht-, sondern auch Angriffstendenzen (Gegenwehr) fördern. Oft haben Menschen Angst vor anderen, weil sie an sich selbst spüren, zu welcher Aggression (Gewalt) sie prinzipiell in der Lage sind. Im Kontext von Angst- und Aggressionsgefühlen geht es folglich darum, „Kompetenzen“ zu vermitteln und zu erwerben, mit denen Kinder mit Angst- und Aggressionsgefühlen umgehen lernen, d.h. schwierige Situationen lösen können.

Auf Schulangst differenziert reagieren

Ängste im Zusammenhang mit dem Schulbesuch können unterschiedliche Ursachen haben. Beispiele sind Trennungsschwierigkeiten zwischen Mutter und Kind, schlechte Behandlung durch Mitschüler, Ablehnung durch einen Lehrer, charakterliche Besonderheiten des Kindes, der Versuch, sich durch schulische Leistungen Liebe zu erarbeiten, Überforderung durch den schulischen Leistungsanspruch und Folgen einer jugendlichen Entwicklungskrise. Auf keinen Fall sollte das Kind in eine Krankenrolle versetzt werden, indem die Eltern ärztliche Atteste erwirken oder eine psychotherapeutische Behandlung als Alibi gegen den Schulbesuch einsetzen.

Nach: du Bois, Reinmar: Kinderängste. Erkennen – verstehen – helfen, C. H. Beck, München 1996